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Die Wirschaftswoche
BAD MIT AUSSICHT
Fonteverde. Schon die Medici wussten, wo die Toskana am schönsten ist. Heute
treffen sich in den Thermen von Fonteverde am Rande von San Casciano dei Bagni
die Reichen und Schönen.
Agostino massiert zart duftendes Sesamöl in die Haut, bearbeitet mit wohldosierten
und präzise sitzenden Griffen jeden Zentimeter von den Fersen bis zu den Handflächen.
Er mobilisiert Sehnen und Gelenke, steigt auch mal auf den Klienten und verlagert
sein ganzes Gewicht auf dessen Wirbelsäule. 50 Minuten dauert die Massoterapia",
und es ist weit mehr als eine wohltuende Massage. Agostino, der neben schwarzen
Locken, hellen Augen und kräftigen Schultern auch ein Diplom als Physiotherapeut
vorzuweisen hat, legt es nicht darauf an, seine Klientel in einen entspannten
Dämmerschlaf zu versetzen. Er entlässt einen erst, wenn die Muskeln fast zu weich
zum Laufen sind.
Macht nichts. In der intimen Umkleidekabine hängt ein vorgewärmter Bademantel
bereit, und auf der Sonnenterrasse mit Blick in die wellenförmige, ockergelbe
Landschaft der Val d'Orcia und auf den malerischen Weiler San Casciano stehen
bequeme Liegestühle. Später badet man im warmen Thermalwasser und lässt sich von
einem unnachahmlich selbstverliebten Nachfahren von Lorenzo dem Prächtigen, der
im sprudelnden Bioaquam"-Becken plötzlich neben einem steht, über die Rangordnung
der toskanischen Thermenwelt aufklären: Saturnia ist das Rimini unter den Thermalbädern,
in San Filippo baden die Individualisten, und hier, in Fonteverde, sind die Schönen
und Reichen unter sich." Aha. Glück gehabt. Fonteverde, Agostinos Arbeitsstelle,
gilt als Thermalbad der Luxuskategorie.
San Casciano dei Bagni dagegen ist ein Ort, wie man ihn von alten Postkarten
her kennt: mit mittelalterlichen Mauern, engen Gassen und Blumenkästen auf jedem
Fensterbrett. Er liegt auf halbem Weg zwischen Rom und Florenz im äußersten Süden
der Toskana und ist weit genug vom Meer entfernt, um den Touristenströmen an der
Küste zu entgehen. Hier kommt niemand zufällig vorbei.
Die Thermen haben dieses Nest berühmt gemacht. So berühmt, dass San Casciano
eine eigene Ausfahrt auf der Autostrada del Sole hat. In der Antike führte hier
die Via Cassia vorbei. Schon die alten Römer trafen sich zu ausgiebigen Badegelagen
in den damals noch natürlichen Becken rund um die 42 Quellen, aus denen bis heute
täglich gut 5.500.000 Liter heißes Wasser an die Erdoberfläche sprudeln. Eine
Menge, die San Casciano Platz Nummer drei in der Rangordnung der europäischen
Thermalbäder sichert nur im französischen Aix-les-Bains und im tschechischen
Karlsbad fließt noch mehr.
1607 ließ der toskanische Großfürst Ferdinando I. einen eleganten Laubengang
errichten mit einem Brunnen für die Trinkkur. In jenen Tagen waren die heißen
Quellen ein gesellschaftlicher Treffpunkt, hier wurden Geschäfte abgeschlossen,
Politik gemacht und Ehen angebahnt. So könnte es auch heute noch sein", sagt
Leandro Gualtieri, Inhaber des Hotels Fonteverde, man muss nur in die Zeit passende
Voraussetzungen schaffen." Das hat er getan. Der historische Laubengang beherbergt
heute ein elegantes Restaurant mit exzellenter toskanischer Küche und einer Terrasse
vor der Tür, die den Blick in eine fast zu schöne Landschaft freigibt. 80 stilvolle
Zimmer stehen für Gäste zur Verfügung, ein unterirdischer Tunnel ermöglicht ihnen
den direkten Zugang zum Thermalzentrum, das mit diversen Innen- und Außenbecken,
Sauna und Dampfbad, Watsu und Shiatsu, Gymnastikraum und einem breit gefächerten
Angebot an Behandlungsmöglichkeiten in Italien seinesgleichen sucht.
Bildergalerie: Die Thermen von Fonteverde
Lange bevor seine Landsleute den Spa- und Wellness-Trend zur Kenntnis nahmen,
hatte Gualtieri begonnen, die natürlichen Ressourcen der antiken Thermalbäder
mit den Anforderungen einer potenziellen neuen Zielgruppe zu vermählen. Er gründete
die STB (Società delle Terme e del Benessere) und machte aus altmodischen Kurbädern
wie Grotta Giusti und Bagni di Pisa, beide im Norden der Toskana und unweit von
Lucca, Pisa und Florenz gelegen, zeitgeistorientierte Thermalanlagen, die nach
wie vor auf die therapeutische Wirkung der Thermalquellen setzen, aber neben Fango,
Hydromassage und Inhalationstherapie auch Yoga, Anti-Aging und Aqua-Gym anbieten.
Den Anfang machte Saturnia, das bis heute wohl bekannteste Spa der Toskana. Bis
vor 20 Jahren schlummerten der aquamarinfarbene Mineralquellsee mit seinem heißen,
schwefelhaltigen Wasser und das dazugehörende kleine Hotel mit vorsintflutlicher
Kuranlage im tiefsten Dornröschenschlaf. Leandro Gualtieri kaufte 1984 den hoch
verschuldeten Besitz und machte ihn mit Aqua-Relax, Hot-Stone-Therapie und LipoSlim
zu einem exklusiven Resort und zum Mekka des internationalen Geldadels. Er ließ
eine eigene Pflegeserie produzieren und schuf die Marke Saturnia, die für die
Kombination aus Wellness, Thermen und der wunderschönen Landschaft der Maremma
steht.
Als ihm Saturnia zum Kauf angeboten wurde, erzählt er, schwappte aus den USA
gerade eine Welle nach Europa hinüber. Alle wollten fit, schlank und schön sein.
Saturnia erschien ihm als der ideale Ort, um eine Beauty-Farm einzurichten. Die
Voraussetzungen waren perfekt. Gualtieri, ein eleganter und eloquenter Signore
mit sicherem Auftreten und Florentiner Akzent, ist eigentlich im Textilbereich
tätig. Im gehört Filpucci, ein Unternehmen, das Garne herstellt. Nicht irgendwelche
Massenware, sondern eine Qualität, wie sie von Modedesignern wie Giorgio Armani,
Gianfranco Ferré und den Missoni geschätzt und gekauft wird. Der Kontakt zu diesen
Trendsettern, so glaubt er, habe sein Gespür für neue Lebensstile geschärft und
ihn daran gewöhnt, Moden vorauszuahnen.
Bei Fonteverde war das nicht schwer. Wenn Sie wie ich in Florenz wohnen und
an einem kühlen Novembertag nur ein Stückchen in Richtung Süden fahren müssen,
um eine ins Licht getauchte Landschaft zu finden und Menschen, die im Badeanzug
in der Sonne liegen, dann wissen Sie, dass dieser Ort eine besondere Magie hat",
sagt Gualtieri. Wobei diese Magie nicht einmal von der Sonne abhängig ist. Gerade
im Winter, wenn von den Außenbecken feine Nebelschwaden aufsteigen, wenn die Luft
kalt und das Wasser wohlig warm ist, wenn die Landschaft karg und öde wirkt und
das gesamte Szenario aus einem Tarkowski-Film zu stammen scheint, ist Fonteverde
ein Ort mit großer Suggestivkraft. Viel lieber als im Sommer kommen nun die Einheimischen
vorbei, um in den öffentlich zugänglichen Wannen ihre von der Landarbeit geschundenen
Glieder zu pflegen, und die Schönen und Reichen auf der Suche nach Entspannung
und Reinheit. Wir haben auch prominente Gäste...", setzt Laura an. Weiter kommt
sie nicht, ein kurzer Seitenblick ihres Vaters genügt, um sie zur Diskretion zu
ermahnen. Gualtieris Tochter hat in der Hotelfachschule von Lausanne gelernt,
bevor sie nach Fonteverde kam und dort die Verantwortung für den Gästeempfang
übernahm.
Im Dorf ist man gesprächiger. Deutschlands ehemaliger Innenminister Otto Schily,
dessen Ferienhaus ganz in der Nähe steht, habe gerne in den sprudelnden Wasserwannen
gelegen, weiß Federica, die hübsche Tochter von Signor Emilio, dem Besitzer des
kleinen Lebensmittelladens direkt an der Piazza. Auch Diego Della Valle, Chef
der Schuhmarke Tod's, hat sich in Fonteverde von den Strapazen der Arbeit erholt,
erzählt Daniela, der die einzige Trattoria im Ort gehört. Und in der Bar Centrale,
in der es auch Zeitungen und Lotterielose zu kaufen gibt, ist zu hören, dass Modedesigner
Roberto Cavalli für ein paar Tage mit seiner Frau Eva in Fonteverde war ganz
anonym, versteht sich.
Wie aber will man sich verstecken in einem Dorf, das gerade einmal 200 Einwohner
hat? Natürlich bemerken wir es, wenn Kate Winslet oder Penelope Cruz über die
Piazza spazieren", sagt Federica. Wer in Fonteverde Ferien macht, wirkt einfach
anders als die Leute, die einen Bauernhof mieten und sich zum Eisessen ins Café
setzen." Der Unterschied dürfte nicht nur an der Wirkung der Thermalwasser liegen.
Dennoch haben die Reichen und Schönen bisher keine bleibenden Spuren in San Casciano
hinterlassen.
Als er die Anlage vor fünf Jahren übernommen habe, erinnert sich Gualtieri, gab
es hier einen halb fertigen Pool und ein winziges Gebäude, in dem die klassischen
Thermalkuren, also Fango und Inhalationstherapie, angeboten wurden. Insgesamt
waren 13 Angestellte beschäftigt. Heute arbeiten in Hotel und Spa gut 140 Personen
Wir gehören zu den führenden Hotels der Welt und bedienen einen internationalen
Markt und eine anspruchsvolle Kundschaft." Das Gebäude wurde dem Stil einer Medici-Residenz
angeglichen, die Außenbecken sind so angelegt, dass badendes Volk und Hotelgäste
sich gegenseitig nicht stören. Die Behandlungskabinen sind elegant und komfortabel,
meilenweit entfernt von den muffigen Kabuffs, in denen sich früher an Rheuma oder
Arthritis leidende Patienten mit dunklem Schlamm beschmieren ließen, um wieder
gesund zu werden.
Inzwischen eilt Leandro Gualtieri der Ruf voraus, Retter antiker Thermalanlagen
und Gründer luxuriöser Wellness-Center zu sein. Immer wieder werden ihm historische
Bäder zum Kauf angeboten, und so hat er sich entschlossen, 30 Prozent der STB
an zwei Teilhaber aus dem Bankbereich zu verkaufen, um an frisches Kapital für
Neuerwerbungen zu gelangen und einen Prozess in Gang zu setzen, der den Börsengang
des Unternehmens vorbereitet. Den schwierigsten Part, die Überzeugungsarbeit,
hat er geleistet: Es war nicht ganz einfach, den Menschen den Unterschied zwischen
einem Wellness-Center in einem Thermalbad und einem Wellness-Center in einem x-beliebigen
Stadthotel klar zu machen."
Der Pluspunkt eines Thermalbads ist natürlich das Thermalwasser, das reich an
Schwefel, Kalzium, Fluor und Magnesium, 40 Grad warm an die Erdoberfläche gurgelt
und nachweislich heilend auf diverse Zipperlein wirkt. Früher war das gut genug,
inzwischen ist in fast allen toskanischen Thermalbädern ein Trend zu erkennen,
der ganz klar auf dem Gualtieri-Erfolgsrezept basiert: Auch in anderen Kurorten
stellt man sich auf eine junge und weltgewandte Klientel ein, und es geht nicht
mehr nur darum, Menschen zu pflegen, die an einer Krankheit leiden, sondern auch,
wenn nicht vor allem, darum, Menschen zu verwöhnen, die an keiner Krankheit leiden.
Agostino hat dafür ein sicheres Händchen. Und er ist nicht alleine. |